FACHKRÄFTE

Sich als vertrauenswürdig erweisen

Ideale Vertrauenspersonen von betroffenen Jugendlichen und jungen Erwachsenen

 

  • können über Formen sexualisierter Gewalt offen sprechen
  • sind über die typischen Strategien von Tätern und Täterinnen informiert
  • reagieren sachlich und besonnen
  • akzeptieren das gesunde Misstrauen betroffener Mädchen und Jungen
  • nehmen Kinder und Jugendliche ernst
  • meinen nicht immer zu wissen, was für betroffene Mädchen und Jungen das Beste ist
  • überlegen mit den Opfern zusammen, wie diese sich selbst oder andere sie schützen können
  • entschuldigen sich, wenn sie Fehler machen
  • sind stark genug, um Opfern auch Grenzen zu setzen
  • wissen, wo betroffene Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer Unterstützung bekommen
  • reden mit Betroffenen nicht nur über deren sexualisierten Gewalterfahrungen, sondern auch über andere Dinge
  • sind fröhliche Menschen und lachen gerne.

 

Viele Täter und Täterinnen drohen, dass etwas Schreckliches passiert, wenn ihre Opfer über ihnen zugefügte sexualisierte Gewalt sprechen. Auch haben betroffene Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer Angst, dass die ihnen zugefügte Gewalt öffentlich wird. Sie haben Angst, dass …

 

  • man ihnen nicht glaubt bzw. einzelne ihrer Aussagen in Zweifel gezogen werden
  • Eltern oder andere Bezugspersonen ausflippen und/oder unter dem Wissen leiden
  • Details der ihnen zugefügten Handlungen öffentlich bekannt werden und sie selbst wie „entblößt“ dastehen
  • geliebte Menschen sich von ihnen abwenden
  • sie nach der Aufdeckung von anderen Jugendlichen gemobbt werden …

 

Erwachsene und jugendliche Täter und Täterinnen missbrauchen nicht nur den Körper und die Gefühle der Betroffenen, sondern auch deren Vertrauen in und zu ihren Mitmenschen. Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer testen sehr genau, welche Menschen sich als vertrauenswürdig und belastbar erweisen, wem sie sich in ihrer Not anvertrauen können. Sie beobachten im pädagogischen Alltag, ob Fachkräfte ruhig und sachlich über sexualisierte Gewalt sprechen und bei alltäglichen sexuellen Grenzverletzungen klar für belästigte Mädchen/Jungen Stellung beziehen (zum Beispiel bei sexueller Belästigung im Jugendzentrum, auf dem Schulhof, am Arbeitsplatz). Diese „Tests“ können oftmals die Geduld erwachsener Bezugspersonen sehr strapazieren. Doch es macht in den meisten Fällen wenig Sinn, wenn Pädagoginnen und Pädagogen betroffene Jugendliche mehr oder weniger direkt auszufragen versuchen. Fachkräfte sind gefordert, sich im Alltag durch eine klare Haltung gegenüber (sexuellen) Grenzverletzungen als vertrauenswürdige Ansprechpersonen zu beweisen. Sie müssen das gesunde Misstrauen von Betroffenen nicht nur aushalten, sondern akzeptieren. Pädagogische Fachkräfte sind oftmals erstaunt, wie offen Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer Hinweise auf sexualisierte Gewalterfahrungen geben, wenn sie selbst im Alltag auf die Einhaltung eines grenzachtenden Umgangs unter Jugendlichen achten. Auf Andeutungen und konkrete Aussagen von Mädchen und Jungen über Erfahrungen sexueller Grenzverletzungen sollten Erwachsene besonnen reagieren. Täter und Täterinnen haben fast immer die Wahrnehmung der Betroffenen verwirrt, und durch Worte oder Taten diesen einzureden versucht, die sexuellen Grenzverletzungen seien „normal“. Knappe und sachliche Kommentare bedeuten für Betroffene oftmals eine große Erleichterung – zum Beispiel: „Das war nicht in Ordnung!“ Klare und schlichte Stellungnahmen rücken die Welt wieder gerade: Sie benennen die Verantwortlichkeiten für die sexualisierte Gewalt und stärken die Wahrnehmung betroffener Mädchen und Jungen (Korrektur der verwirrten Norm).

 

Gefühlsbetonte Reaktionen erleben Betroffene oftmals als zusätzliche Belastung. Wütende und den Täter/die Täterin abwertende Reaktionen bringen zum Beispiel betroffene Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer häufig in Loyalitätskonflikte, denn fast immer ist die missbrauchende Person ein Mensch, mit dem das Opfer auch positive Gefühle und Erinnerungen verbindet. Zeichnen Dritte ein einseitig negatives Bild des Täters, so werden dadurch sehr häufig die Gefühle der Betroffenen verletzt. Mitleidige Blicke und Bemerkungen („Das war doch bestimmt sehr schlimm für dich!“) lösen nicht selten Schuldgefühle aus: Betroffene fühlen sich schuldig, ihr Gegenüber mit ihren Aussagen emotional belastet zu haben und haben nun die Sorge, dass dieser Mensch die Wahrheit nicht tragen kann.

 

Vertrauenspersonen sollten Betroffenen niemals Verschwiegenheit versprechen. Durch ein solches Versprechen „unterwerfen“ diese sich dem Schweigegebot der Täter und machen sich selbst handlungsunfähig. Das Versprechen: „Ich mache nichts, was wir vorher nicht besprochen haben! Aber manchmal habe ich die Verantwortung, ein Mädchen/einen Jungen zu schützen. Dann mache ich das.“ gibt Betroffenen ein notwendiges Maß an Kontrolle über die Situation.

 

Viele Erwachsene fügen von sexualisierter Gewalt betroffenen Mädchen und Jungen Leid zu, indem sie versuchen, mit Betroffenen über Details der erlittenen Gewalthandlungen und die damit verbundenen Gefühle zu sprechen. Oft steckt hinter einem solchen Vorgehen die gutgemeinte aber falsche Annahme, dass das Aussprechen und Durchleben der mit sexuellen Gewalterfahrungen verbundenen Gefühle Erleichterung verschafft und ein für die Verarbeitung notwendiger Schritt ist. Tatsächlich werden durch eine solche von Dritten ausgelöste erneute Überflutung mit zuvor abgespaltenen Gefühlen der Angst, Ohnmacht, Einsamkeit… viele Betroffene retraumatisiert.

In Institutionen kann man manchmal einen Konkurrenzkampf unter den Helfern und Helferinnen um das Vertrauen von Opfern sexuellen Missbrauchs beobachten – nach dem Motto: „Je mehr Details mir Missbrauchsopfer anvertrauen, umso höher meine fachliche und persönliche Kompetenz“. Ein solcher Konkurrenzkampf instrumentalisiert Opfer für die Aufwertung des eigenen Selbstwertgefühls der Fachkraft. Kennen Menschen aus dem alltäglichen sozialen Umfeld zu viele Details der Missbrauchshandlungen, so wird das Mädchen/der Junge, die junge Frau/der junge Mann im Kontakt mit diesen Personen an die traumatisierenden Erfahrungen erinnert und kann nur schwer abschalten. Nicht selten fühlen sich Opfer auch dadurch zusätzlich beschämt, dass „die anderen so peinliche Dinge über sie wissen“. Die wenig emotionale sachliche Nachfrage der Polizei erleben einige Opfer hingegen als Möglichkeit, einmal alles bei einem Menschen „zu lassen“, den sie im Alltag nicht mehr begegnen müssen.

Um die Beziehungen zu Vertrauenspersonen aus dem sozialen Umfeld nicht zu gefährden, sollten dementsprechend die unmittelbaren Bezugspersonen von Betroffenen sexualisierter Gewalt nicht bei der polizeilichen oder richterlichen Vernehmung von Betroffenen anwesend sein.

 

Niemand ist perfekt! Kein Mensch wird alle die genannten Anforderungen erfüllen können. Doch betroffene Mädchen und Jungen, junge Frauen und Männer haben oftmals ein gutes Gespür dafür, ob Fachkräfte sie ernst nehmen und stark genug sind, besonnen zu reagieren. Allein das Gefühl, das ein Erwachsener ruhig und solidarisch reagieren würde, gibt zum Beispiel Jugendlichen oftmals die Kraft, sich selbst erfolgreich gegen den Missbrauch zu wehren.

„Die Sozialarbeiterin im Jugendamt, die war ok, die hätte mir geglaubt, wenn ich es ihr erzählt hätte. Da habe ich dem gesagt: Jetzt ist Schluss, sonst gehe ich zu der und sag alles. Von dem Tag an hat der mich nie wieder angepackt.“ (Ramona 23J.)